Im August 2001 war es soweit, genauer gesagt am 27. August 2001. Ein neuer Browser erblickte das Licht der Welt als uns Microsoft damals mit einer neuen Version der Internet Explorer Serie beschenkte. Niemand, vermutlich auch die stolzen Eltern nicht hätte damals ahnen können das dem Neugeborenen ein solch langes Leben beschert sein würde, doch tatsächlich es gibt ihn noch. Seine Verwendung gilt im Dunstkreis all jener die sich mit der Erstellung von Webseiten beschäftigen als verpönt, nicht so jedoch beim durchschnittlichen Windows-Benutzer, der seit mittlerweile fast sieben Jahren überglücklich über den vorinstallierten Netzerkunder ist. Nun, sehen wir uns das etwas genauer an.

Das Jahr 2001

2001 klingt gar nicht so lange her, aber Zeit ist ja bekanntlich relativ, die gefühlte Zeit auf jeden Fall. Wenn wir uns zurückerinnern was 2001 alles passiert ist wird uns vielleicht doch bewusst das seither einige Jahre ins Land gezogen sind. Anfang 2001 wurde z.B. Georg W. Bush zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt, jetzt endet schon seine zweite Präsidentschaft. Natürlich ist uns allen auch der 11. September 2001 ein Begriff, er hat die Welt mehr verändert als alles andere in diesem Jahrzehnt (Jahrhundert, Jahrtausend). Nur kurz am Rande: das englische nine eleven lässt mich immer leicht in die Legasthenie rutschen und ich bin versucht 9. November zu sagen. Oder ich habe den Drang den Notruf zu wählen (911), geht es auch anderen so?

Weitere, etwas kleinere Vorkommnisse beinhalten den planmäßigen Abschuss der Raumstation MIR nach 15 jährigem Einsatz, die Auslieferung des Jugoslawischen Ex-Präsidenten Slobodan Milošević an den Internationalen Strafgerichtshof, das ausgeben der ersten Euro-Starterkits in der Eurozone und viele mehr. Jetzt haben wir das Jahr 2001 schon eher in ein richtiges Licht gerückt und können es besser in unseren inneren Kalender einordnen, Zeit also die sieben Jahre mal aus Softwaresicht Revue passieren zu lassen. Ihr ahnt es sicher schon.

2001 im Software »Es war einmal«

Ist 2001 in eurer Erinnerung also schon etwas in die Vergangenheit gerückt? Egal wie eure Antwort auf diese Frage lautet, spätestens jetzt wird das der Fall sein, denn in der schnelllebigen Softwarewelt haben wir eine halbe Ewigkeit zurückgelegt. Ich möchte jetzt einige bekannte Anwendungen hernehmen und sehen wo sie sich im Jahr 2001 befunden haben. Gab es sie da überhaupt schon?

Adobe Photoshop
Das wohl weit verbreitetste Bildbearbeitungsprogramm ist heute in Version »CS3« erhältlich was der Versionsnummer 10 entspricht. 2001 war Version Nummer 6 erst ein paar Monate alt.
iTunes
Anfang 2001 erscheint iTunes in Version 1.0 noch für Mac OS 9 und im Verlauf des Jahres in Version 2.0. Erst seit Versionsnummer 4 wird Windows unterstützt und aktuell befinden wir uns bei Nummer 7.6.
Firefox
Die erste Inkarnation des Feuerfuchses fand erst 2004 statt, heute steht Version 3 kurz bevor.
Skype
Das heute häufig verwendete Skype kam erst zwei Jahre später im August 2003 auf den Markt.

Ich bin mir sicher euch fallen noch einige andere Anwendungen ein, ich wollte nur kurz ein Gefühl dafür vermitteln was 2001 am Softwaremarkt verfügbar war. Nun was unterscheidet die gerade genannten Programme vom Internet Explorer 6? Niemand verwendet sie heute noch in der Version in der sie 2001 verfügbar waren! Eigentlich klar, warum sollte man so etwas Altes und nicht mehr zeitgemäßes noch anrühren wenn es doch schon Nachfolger, bzw. Produkte von Mitstreitern gibt die viel moderner sind, viel besser mit den heute üblichen Computerumgebungen zusammenspielen?

Wieso also hält sich der Internet Explorer 6 so lange, wieso bleibt er noch heute die erste Wahl für einen Großteil aller Windows-Anwender? Eine einfache Antwort gibt es nicht, denn ich glaube hier spielen einige Faktoren mit die nur zusammengenommen dieses Phänomen erklären können.

Wozu?

In einem Satz kann man es grob so umreißen: Niemand interessiert sich dafür den IE6 abzuschaffen. Nicht ganz niemand, denn sonst würde ich ja nicht diesen Artikel schreiben, aber um computer- und/oder webaffine Personen geht es ja hier nicht, es geht um den durchschnittlichen Windowsuser. Der bekam den IE6 schon fix fertig auf seinem Windows vorinstalliert und war somit zufrieden, er gelangte ja ins Internet. Damals, im Jahre 2001, hatte man auch kaum eine andere Wahl als den Internet Explorer zu verwenden, denn die Marktmacht des Microsoft Browsers war erdrückend hoch (nicht zuletzt weil er mit jedem Windows mitgeliefert wurde) und blieb es auch noch in den nächsten Jahren. Mangels fehlender Alternativen avancierte der IE6 zu »dem« Browser, man hatte den Eindruck es gab einfach keinen anderen. Dieser Eindruck blieb hängen, ich glaube viele Leute haben ihn heute noch. Das wäre also Grund Nummer 1, aber es geht noch weiter, denn es gab ja auch die Windowsuser die schon mal gehört haben dass auch andere Browser existierten.

Nun die meisten von ihnen interessiert das nicht, denn man konnte ja schließlich alles mit dem IE6 machen, wozu die Arbeit antun und etwas anderes ausprobieren. Das ist ein Argument das ich verstehen kann, vor allem dann wenn man die Vorteile die der Wechsel bringen soll nicht kennt. Also musste es jemanden oder etwas geben, dass einem den Wechsel schmackhaft machen sollte. Tja leider gab es das aber nicht, zumindest nicht in der Form, die das Zielpublikum, also den durchschnittlichen Windowsuser, ansprach. Es gab zwar schon sehr viele Aufrufe dazu den IE6 durch einen anderen Browser zu ersetzen, doch von wem kamen sie? Von Webentwicklern, von Leuten die sich um die Verbesserung und die Entwicklung des Internets kümmerten, also von einer mikroskopisch kleinen Randgruppe. Die schrieben zumeist auf ihren Blogs über die Probleme die ihnen der IE6 bereitet, den stundenlangen Extraaufwand den man aufbringen musste und das Ausbremsen der Entwicklung der Webstandards ansich. Doch seien wir uns ehrlich, der Durchschnitts Windowsuser liest diese Blogs nicht, also kann es ihn gar nicht interessieren, er weiß ja nichts davon. Woher erfährt man normalerweise von neuen Versionen eines Produkts? Richtig, vom Hersteller, das würde funktionieren. Doch der hatte absolut kein Interesse daran den IE6 in Rente zu schicken.

Die Marktmacht gleitet aus der Hand

Microsoft hatte es eigentlich in der Hand die eigenen Kunden dazu zu bewegen umzusteigen, natürlich nicht auf ein Konkurrenzprodukt, sondern auf den Nachfolger Internet Explorer 7. Den gibt es immerhin schon seit Oktober 2006, doch wie gesagt war das Interesse den IE6 aufzugeben nicht vorhanden. Die Marktanteile schwindeten zwar langsam dahin, aber nicht schnell genug um Microsoft zu einem Kurswechsel zu zwingen, also versuchten sie ihren Marktanteil in alter monopolistischer Art und Weise zu halten: »Uns gehören 90% des Marktes, also schreiben wir die Standards fest. Die anderen können entweder mitziehen oder werden vom Markt gedrängt.« So ähnlich stelle ich mir die Einstellung vor, sie ist aus Microsofts Sicht natürlich nachvollziehbar. Microsofts wichtigster Kundenstamm waren schon immer die Business Kunden, große Firmen mit vielen Computern und einem komplexen internen Netzwerk. Die meisten davon verfügten über Intranets, die zu Blütezeiten des IE6 entstanden sind und deshalb auch nach dessen Standards programmiert sind. Nichts läge MS ferner als die Großabnehmer der Windowslizenzen zu vergraulen, also ging man mit dem IE7 sehr vorsichtig vor und glaubte noch dazu dem Internet die eigenen Standards aufzwingen zu können.

Gott Sei Dank sieht es momentan nicht danach aus als würde Microsofts Plan aufgehen, man hat mehr denn je mit rückläufigen Marktanteilszahlen zu kämpfen. Momentan steckt Microsoft im Browsermarkt also in einer Zwickmühle, da sie erkannt haben dass an den Webstandards kein Weg vorbei führt, sie aber zu ihren »Cashcows« rückwärtskompatibel bleiben müssen um keine wichtigen Großkunden zu verlieren. Die bisherige Strategie hat aber ausgereicht dem IE6 ein langes Leben zu verschaffen, worum es hier ja eigentlich geht. Um dessen Ende nun zumindest einen kleinen Schritt näher zu bringen habe ich eine Idee vom Ben aufgegriffen und umgesetzt.

Ein guter Rat

Diese Idee setzt genau in dem Bereich an wo es bisher gefehlt hat: Bei der Aufklärung der Benutzer. Seit ca. einer Woche können Besucher von wirsindecht.org die mit dem IE6 anreisen folgenden Text an oberster Stelle der Webseite lesen:

You are using an inferior Webbrowser that does not adhere to webstandards. There are free and better alternatives ›

wobei beim Klick auf »alternatives« ein weiterer Bereich sichtbar wird, der Links zu den Downloadseiten von Firefox, Opera und Safari beinhaltet. Die eine Zeile ist nicht sehr störend, sollte man partout beim IE6 bleiben wollen, weißt einen aber darauf hin dass es doch besser wäre den Browser zu wechseln.

Sollte sich jemand dafür interessieren diesen, oder einen ähnlichen Hinweis auch auf seiner eigenen Homepage einzubauen, habe ich dafür ein kleines Paket zusammengestellt, bestehend aus dem Code, den benötigten Bildern, Beispielscreenshots (falls jemand keinen IE6 hat) und einer kurzen Anleitung. Runterladen könnt ihr es hier :

ie6_advice.zip

Alles darin enthaltene steht zur freien Verfügung und kann durch jeden beliebig verändert und angepasst werden. Baut es bei euch ein und macht Werbung dafür, sodass es sich bald verbreiten wird, habt ihr es verwendet, lasst es mich einfach in einem Kommentar hier wissen.

R.I.P. IE6

Lassen wir dem Browsergreis Internet Explorer 6 also seinen wohlverdienten Ruhezustand. Lange Zeit hat er uns begleitet und spätestens jetzt wird es Zeit sich einzugestehen, dass er nicht mehr der jüngste ist und schon lange nicht mehr mit den modernen Vertreten seiner Zunft mithalten kann. Lange vorbei sind die Zeiten in denen die Vorherrschaft der Nummer 6 das Internet fast komplett alleine regierte. Erweisen wir ihm also die letzte Ehre und tragen ihn würdevoll aber bestimmt zu Grabe. Möge er in Frieden ruhen, Amen.