Was mit dem Fliegen alles nicht stimmt
Ich fliege ja in letzter Zeit regelmäßig. Kurzstrecke, nach Deutschland. Ich und 120 genervte aber extrem wichtige Businessleute. Doch dazu später mehr. Ab einer gewissen Entfernung ist das Flugzeug zeitlich einfach nicht zu schlagen. Was auch der einzige Grund ist warum so viele den Stress, die Erniedrigung und den Verlust so mancher persönlicher Gegenstände bei den Sicherheitskontrollen in Kauf nehmen.
Fliegen fängt schon beim extrem lästigen kaufen von Tickets an die eine der undurchsichtigsten Preisstrukturen aufweisen die wohl nur noch von den Mobiltelefon Verträgen der Telekommunikationsausbeuter getoppt werden. Auch sind Fluglinien die einzigen Unternehmen die Sitzplätze beinhart überbuchen und jemanden der sein Ticket vor einem halben Jahr gekauft hat sagen dass er leider nicht mitkommen kann. Man stellt sich das mal in irgendeiner anderen Branche vor. “Oh es tut uns leid Herr Minarik wir haben ihre Kinokarten zweimal verkauft, Sie können leider nicht in die Vorstellung. Aber in 7 Stunden zeigen wir einen ganz anderen Film und Sie bekommen ein Portion Popcorn dazu”. “Danke, nein.” Aber das nur mal am Rande.
Am Tag der Reise fängt der Stress dann an. Wann soll man am Flughafen sein? Eine Stunde vor dem Abflug sollte es sein, wenn man oft fliegt gehen einem diese großen Puffer aber schon auf die Nerven. Also weniger. Das Problem: Viel weniger geht nicht ohne total gestresst zu sein denn am Weg von Wohnung bis ins Flugzeug kann soviel schief gehen, dass man schon fast mit einer Verspätung rechnen muss. Somit bleibt das immer gleiche Dilemma: Entweder zu früh da sein und sich über die Wartezeit ärgern, oder absolut gestresst ankommen weil man knapp dran ist. Es ist vor allem die Unberechenbarkeit der Zeitspanne vom Ankommen am Flughafen bis zum Einsteigen ins Flugzeug die planen schwer macht. Aber bleiben wir zuerst bei der Reise zum Flughafen.
Anreise in Wien
In Wien ist die Anbindung an den Flughafen ein Witz. Und kein guter. Die S-Bahn fährt alle 30 Minuten (in Worten: dreißig)! Schön das in den Skylink, und somit die Vergrößerung des Flughafens, doppelt soviel Geld versenkt wird wie geplant, aber niemand einen Gedanken daran verschwendet wie man die Massen in die Stadt bekommt. Höre ich da jemanden CAT sagen? Oh ja der CAT, der bringt mein Blut in Wallung.
Was ist der CAT? Eine angemalte S-Bahn die um sage und schreibe 8 Minuten schneller vom Flughafen Wien zur Landstraße kommt. Der Kostenpunkt: 9 € statt der 1,80 € für die S-Bahn. Warum? Wer soll das zahlen? Wer ist die Zielgruppe? Die Leute die auf echten Komfort setzen steigen in ein Taxi oder fahren mit dem Auto, denn der CAT fährt ja auch nur alle 30 Minuten. Alle anderen fahren mit der S-Bahn. Der CAT hat keine Zielgruppe, trotzdem fahren immer wieder Leute damit. Nun das ist ganz einfach zu erklären. Schon mal von der Ankunftshalle runter Richtung der Bahnen gegangen? Kein Zeichen von der S-Bahn weit und breit, der erste Hinweis dass es außer dem CAT noch etwas anderes gibt kommt nach dreimal um die Ecke gehen. Kein Tourist wird das finden. Außerdem wurde er ja schon im Bus vom Flugzeug zum Terminal mit der Werbung für den CAT besäuselt. Noch ein Haken vom CAT: Will man nicht zur Landstraße sondern z.B. zum Praterstern, muss man kompliziert Umsteigen, mit der S-Bahn nicht. Ich kann also beim besten Willen keinen einzigen positiven Aspekt am CAT finden. Dabei ist die Lösung so einfach: Weg mit dem CAT und die S-Bahn im 15 Minuten Intervall. Für diese Idee muss man nun wirklich kein Genie sein, also wird sie schon jemand vor mir gehabt haben. Das spricht schon sehr dafür dass sich jemand mit dem CAT ein goldenes Naserl verdienen will. Jemand mit guten Beziehungen offensichtlich.
Ich bin also am Flughafen. Vermutlich viel zu früh oder viel zu spät, es muss schon ein Glücksgriff sein beim 30 Minuten Intervall passend anzukommen. Auf zum Gate. Ja, nicht zum Checkin, sondern zum Gate. Ich habe schon von Zuhause eingecheckt. Das ist eine der wenigen guten Dinge die sich etabliert haben. Ohne Webcheckin könnte man noch mal 15-20 Minuten dazurechnen und vor allem noch eine zeitliche Unsicherheit.
Die Sicherheitskontrollen
Vor den Gates wartet die größte Hürde die ein Flugpassagier nehmen muss, die Sicherheitskontrolle. Da brauche ich wohl nicht mehr zu viel dazu sagen, das kennen wir alle. Und doch ärgert es mich jedes mal wenn ich in der Schlange stehe extrem. Erstens ist die Kontrolle von der Effektivität her ein Witz. Ein riesengroßer, unbequemer und erniedrigender Witz. Wer kennt nicht eine Geschichte wo jemand mit einem Messer, einer Gabel, einer Feile oder ähnlichem an Board gekommen ist? Flüssigkeiten in ein Sackerl. Wozu? Naja die Diskussion kennt ihr ja also lass ich das mal. Mein Fazit dieses Punktes: Man macht allen das Leben schwer, die die tatsächlich etwas an Board bringen wollen finden einen Weg. Zweitens habe ich immer das mulmige Gefühl irgendetwas nicht beachtet zu haben. Hab ich alle Flüssigkeiten im Sackerl, hab ich nicht unabsichtlich etwas größeres als 100ml eingepackt, usw.? Das ist vor allem dann lästig wenn man nur mit Handgepäck reist. Drittens sind die Sicherheitskontrollen zeitlich einfach unkalkulierbar. Zur gleichen Uhrzeit am gleichen Wochentag kann die Hölle los sein wo das letzte mal niemand da gewesen ist. Das schlimmste ist wenn man schon zu spät dran ist und dann in der Schlange gefangen ist. Schweißausbruch. Man kommt also völlig auf Nadeln und verschwitzt zur Sicherheitskontrolle. Ich würde mich in dem Moment ja für schwer verdächtig halten, die Sicherheitsbeamten Gott Sei Dank nicht. Ein wohlig warmes Gefühl von Sicherheit macht sich breit, wir sind in guten Händen, hier würde niemand durchkommen. Niemand. Ganz bestimmt.
Das Gate, ich kann es nun sehen. Gleich hab ich es geschafft. Außer mir sind natürlich auch viele andere Leute da. Allesamt Mitleidende. Manche sind noch viel öfter als ich hier weil sie beruflich fliegen. Man könnte nun meinen das sich aufgrund des gemeinsam geteilten Leidens irgendeine Art Zusammenhalt innerhalb dieser Gruppe ergibt. Ein Gefühl von Solidarität, vielleicht. Nun ihr könnt es sicher schon ahnen. Eher nicht so. Und somit dürfen in meinem Rundumschlag auch meine Mitfliegenden nicht fehlen.
Die Passagiere
Es gibt unumstritten sehr viel Leute an Board eines Flugzeugs die sehr umgänglich sind. Es ist ganz klar die Mehrheit. Doch natürlich fallen die unangenehmen, ungemütlichen viel mehr auf. Das ist nunmal so. Meine Mitreisenden sind zum Großteil Business Leute klassischen Schlags. Anzug, Krawatte, Blackberry. Business Leute, was heißt das? Nun an und für sich noch nichts, dennoch wäre man geneigt anzunehmen es hier mit den gebildeteren vor allem höflichen Leuten zu tun zu haben. Was im Umgang miteinander, während man zu 120st in einer Blechkonserve eingequetscht ist, auch sehr hilfreich wäre. Wie schon gesagt, die kleine Minderheit derer die das Gegenteil leben sticht hervor. Zum Beispiel so: Manche Business Leute sind so wichtig, dass für sie andere Regeln gelten. In ihrer Welt gibt es die Business-Class einfach immer und überall, auch wenn sie nur Economy gebucht haben stellen sie sich gerne in die eigens für sie nicht aufgestellte imaginäre zweite Schlange. Die die ganz kurz ist und ganz vorne anfängt. Die anderen nicken anerkennend aufgrund der tollen Idee und einige erinnern sich in diesem Moment anscheinend daran dass sie eigentlich auch Business-Class buchen wollten und diese Schlange somit für sie ist. Ihr könnt es euch ausmalen. Als ob wir schneller abheben würden wenn sie schneller an Board sind. Dann gibt es die, die den Boarding Prozess offensichtlich mit voller Absicht bombardieren. Das sind jene Personen die beim Aufruf der Reihen 15 – 29 trotz einer Reihe von 1 bis 10 die ersten im Flugzeug sein müssen, sich dann aber in aller Seelenruhe im Gang den Mantel ausziehen, die Schuhe binden und einen Drink genehmigen. Ihr wisst schon.
Endlich in der Nähe meiner Reihe angelangt muss das Handgepäck verstaut werden. Einfach. Theoretisch zumindest. Lauter Business Leute, also hat niemand Gepäck abgegeben, alle haben nur Handgepäck, dass ist aber natürlich umso größer. Hier bin ich keine Ausnahme. Oft endet dass darin dass mein Gepäck 15 Reihen von mir entfernt liegt, sehr lustig sich hier durchzuarbeiten wenn gerade alle boarden. Im schlimmsten Fall berührt man beim millimetergenauen einpassen des Koffers einen anderen Gegenstand eines Mitreisenden. (“Passen Sie doch auf das ist ein 600 € Sakko!” Ich: “Sorry, is ja nix passiert.” “Ja das kannst du dir nicht vorstellen was es heißt ein 600 € Sakko zu besitzen”) *sic* oder (“Vorsicht da hinten liegt mein Netbook”. Ich: “Ja ich habs eh gesehen.” “Na das hat mir aber nicht so ausgesehen”) *grr*.
Finish
So, ich sitze. Mit den Nerven fertig und Müde. Der Flug an sich, ist trotz des nicht gerade üppigen Platzangebots definitiv der angenehmste Teil. Endlich kann man einfach nur sitzen und schlafen, oder lesen. Wie schön.
Jetzt habe ich das Gefühl echt viel losgeworden zu sein. Ich fühle mich erleichtert und möchte auch nicht mehr weitermeckern. Zwei Themen blieben theoretisch noch. Die können die fleissigen quasi als Hausübung geistig durchspielen. Erstens die nicht Verwendung von elektronischen Geräten bei Start und Landung. Ist komplett unverständlich in meinen Augen (Handys ausgenommen). Und zweitens die Leute die beim Aussteigen stressen, obwohl man da einfach nichts beschleunigen kann.
Ich werde auch weiterhin fliegen, das ist klar. Ich hätte einfach sehr gerne eine Transportalternative zum Flugzeug. Etwas so gemütliches wie den Zug. Der müsste aber viel schneller werden. Wien – Düsseldorf direkt und unter 6 Stunden. Dafür wäre ich zu haben. Momentan: 09:52 direkt oder 08:55 mit einem Umstieg (zum Vergleich: Flug: 01:30, Tür zu Tür 04:00). Da ist noch was zu tun. Ich warte. Und fliege daweil.

Funkmaster
09 Feb 2010 09:43
Sehr guter Artikel! Schön, dass das mal behandelt wird und beeindruckend wie sehr man deine Frustration spüren kann wenn man das hier liest…
Pietropizzi
10 Feb 2010 00:08
Ja, man kann sich ja mit allem irgendwie arrangieren. Manchmal tut es einfach gut all die kleinen Ärgernisse mal niederzuschreiben. Das ist quasi meine kleine Therapie
Außerdem bin ich gerade mitten in deinen Jeremy Clarkson Büchern, was offensichtlich abfärbt, er schreibt ja über alles was ihm nicht gefällt. Ziemlich unterhaltsam.
Benedikt
11 Feb 2010 01:15
Klingt ja ziemlich mühsam. Ist “Ja das kannst du dir nicht vorstellen was es heißt ein 600 € Sakko zu besitzen” ein echtes Zitat?!
martin
11 Feb 2010 23:55
sehr guter artikel.
auch informativ,dass der typ dich darüber aufgeklärt hat,
was seine kleidung kostet.
Pietropizzi
12 Feb 2010 11:28
Ja Ben, beide Dialoge sind leider echte Zitate. Das mit dem 600€ Sakko war auch eine der eigenartigsten Erfahrung seit langem.
Aber natürlich war ich extrem dankbar von dem freundlichen Herren über den Preis seines bevorzugten Kleidungsstücks informiert zu werden. Da können wir uns alle noch was abschauen
itachi
23 Feb 2010 10:04
lol! der artikel ist echt treffend! mir ists gestern auch nicht anders gegangen. die sicherheitskontrollen in peking waren vielleicht sogar noch cooler. ich hab grad meine sachen in diese kiste gelegt bevor ich durch den metalldetektor durchgegangen bin, als mich ein wachmann dort davon abgehalten hat, auch meinen gürtel abzulegen. natürlich hats dann gepiepst (komisch…). bei uns gibts du den gürtel dann halt runter und gehst nochmal durch und dann passts. dort musste ich mich auf ein kleines podest stellen um dann 10min (kein scheiß!) mit so einem handdetektor und per hand durchsucht zu werden (wenigstens von einer frau…).
gottseidank hatte ich keine nervigen buisnessmen an bord aber stattdessen 2 babys direkt neben mir (die können zwar nix dafür, wenn sie schreien. nervig ist es aber trotzdem) und eine rentner-reisegruppe, die 10 f*cking stunden lang alles kommentieren mussten was grad so im flugzeug passiert. ich hab mich dann in die buisnessclass vorgesetzt.
marün
03 Mar 2010 23:46
hihihi echt herrlich das mit dem 600€ Sakko!
zonck
05 May 2010 23:26
sehr amüsant zu lesen *thumbs up*
um dir ein bisschen von deinem ärger über die sicherheitsmaßnahmen im flugzeug zu nehmen.. die packen elektrische geräte nicht weg weil sie “schädlich” sind, sondern weil damit meist kabel (kopfhörer), tragetaschen mit gurte usw. verbunden sind. sollte es nun zu einem unfalll kommen – was ja leider in den meisten fällen währen start und landung passiert – hinter das am schnellen aussteigen…
no worries – jfyi